Die Gier an der Börse gehört dazu wie die Angst. Die Gier flüstert dem Anleger ins Ohr: „Warum bist Du nicht dabei? Warum nur zehn Prozent Profit? Warum nicht hundert?“
An der Börse ist Gier deshalb so gefährlich, weil sie sich als Vernunft ausgibt. Während Angst zumindest offen zugibt, verrückt zu sein. Die Gier trägt einen maßgeschneiderten Anzug, präsentiert PowerPoint-Folien und hat einen Hochglanz-IPO-Prospekt. Sie erklärt, dass diesmal alles anders sei. Dass alte Regeln nicht mehr gelten. Dass Bewertungen überholt sind, man neu denken müsse. Dass Gewinne aktuell überschätzt werden und Verluste zum im Aufbau befindlichen Geschäftsmodell gehören.
Wir erinnern uns an die Gier der Dot-Com-Bubble Ende der 1990er-Jahre. Damals entdeckte die Welt das Internet und war zu Recht begeistert. Aus Begeisterung wurde Euphorie. Aus Euphorie entstand ein kollektiver Realitätsverlust. Unternehmen mussten oft nur ein „.com“ im Namen tragen, um Investoren anzulocken. Plötzlich schossen die Bewertungen von Internetfirmen in astronomische Höhen. Manche Unternehmen hatten weder Gewinne noch ein gescheites Büro, aber sie verfügten über etwas Wichtiges: eine aufregende Business-Story. Anleger kauften Aktien in der Hoffnung, sie später noch teurer an jemanden weiterzuverkaufen. Die fundamentale Frage, ob ein Unternehmen jemals profitabel werden könnte, wurde als störender Pessimismus, ja Technologiefeindlichkeit betrachtet. Der Glaube an die Story überwog. Wie bei jeder Spekulationsblase stieg die Stimmung mit den steigenden Aktienkursen. Wer warnte, wurde belächelt. Zögernde wurden behandelt, als hätten sie das Internet durch Brieftauben ersetzen wollen. Doch irgendwann setzte die Realität ihren Fuß in die Tür. Rechnungen wollten in Cash bezahlt werden. Ups … Erwartungen zerplatzten, die Kurse stürzten ab. Milliarden verdampften. Wirtschaftsgeschichte hieß es dann. Kleinanleger zahlten die Zeche – wie immer.
Die Dot-Com-Bubble zeigt bis heute, dass technologische Revolutionen und finanzielle Vernunft zwei unterschiedliche Dinge sind. Der gierige Anleger verliert die Fähigkeit, zwischen Vision und Illusion zu unterscheiden.
Die Parallelen zwischen der aktuellen KI-Welle, den möglichen Börsengängen von OpenAI, Anthropic oder SpaceX und den damaligen Verhältnissen der Dot-Com-Bubble zu erraten, ist jedem selbst überlassen. Selbst die KI würde SpaceX-Aktien nur unter Einschränkungen kaufen. Gier, in all den oben beschriebenen Facetten, war und ist jedenfalls ein schlechter Anlageberater. Wer langfristig erfolgreich investieren will, muss auf Analyse, Geduld, Diversifikation und Disziplin setzen. Das gescheite Abwägen zwischen Risiko und Chance und nicht die Überbewertung der Story ist die Lehre aus der Dot-Com-Bubble. Vielleicht sollte man bei dem aktuellen Hype an diesen Irrsinn zurückdenken.
Im Börsen-Kurier Nr. 25 am 19. Juni 2026 veröffentlicht von:
Florian Beckermann
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