Österreich 2026: Börse als Illusion und Weckruf

Unsere Wirtschaftsprognosen werden gerade vorsichtig optimistisch formuliert, in Wahrheit sind sie aber äußerst vage. Die Produktivität dümpelt, die Industrie verzweifelt und Investitionen bleiben aus: Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Aber die Börse feierte Erfolge, die wie aus einer Parallelwelt wirken. Der ATX steht auf einem Allzeithoch, die Dividenden sprudeln – auch weil der Finanzminister Markus Marterbauer Geld braucht. Doch diese Kursgewinne sind kein Vertrauensbeweis in den Standort. Die Börse läuft, weil Kapital global vagabundiert, nicht weil Österreich seine Hausaufgaben gemacht hätte. Die Börse prosperiert nicht, weil Österreich wettbewerbsfähiger wird, sondern trotzdem. Sie lebt von internationalem (US-)Kapital und von der Konzentration auf wenige Großkonzerne wie VIG oder Erste Group mit Auslandsexponierung, die aktuell gut performen. Das Ergebnis ist eine gefährliche Illusion, denn für die Realwirtschaft bleibt davon wenig übrig. Kleine und mittlere Unternehmen kämpfen mit Arbeitskräftemangel, Überregulierung und Steuerlast. Innovationen sind Mangelware.

Der Abstand zwischen Finanzmarkt und Realwirtschaft macht sichtbar, wo der Staat versagt. Wer 2026 ernsthaft Wachstum will, muss Kapital mobilisieren und in die richtigen Bahnen lenken: Durch echten Wettbewerb, Entbürokratisierung, durch steuerliche Anreize für Eigenkapital und durch einen Arbeitsmarkt, der Leistung ermöglicht statt verhindert. Ein Markt, der Vermögensaufbau zulässt. Gerade darin liegt der erste Weckruf für Strukturreformen.

Der zweite kommt vom nördlichen Nachbarn. Auch hier gaukelt der Dax eine Illusion vor. In Wahrheit ist Deutschlands Industrieelite massiv verunsichert. Ideenlos hängt Berlin in den Seilen. Die enge Verbundenheit zwischen den Ländern steht außer Frage. Doch es läge an Österreich, jetzt aus dem wirtschaftlichen Schatten herauszutreten – um sich selbst zu retten. Doch statt sich abzusetzen, kopiert man deutsche Fehler weiter im Kleinformat? Dabei könnte man leicht attraktiver sein: mit einfacherer Verwaltung, wettbewerbsfähiger Besteuerung, verlässlicher Energiepolitik und einer industriefreundlichen Regulierung. Österreich müsste sich als das positionieren, was Deutschland nicht mehr ist: ein berechenbarer, investitionsfreundlicher Produktions- und Innovationsstandort im Herzen Europas. Doch dafür müsste man aufhören, den Inflations-Feuerteufel oder den Staatsquoten-Weltmeister zu geben, mit Abschöpfungs- oder Neiddebatten Investoren zu vergraulen oder sich mit Detailregulierungen zu beschäftigen. Die Rückkehr zur Faktenlage und Leadership helfen dabei ungemein. 2026 wird zeigen, ob Österreich diese Chancen erkennt. Schellhorns Quick-Wins sind gut. Jetzt kommt mit der Industriestrategie echte Arbeit auf uns zu, und eine Schlüsselqualifikation ist gefragt: Mut.

Im Börsen-Kurier Nr. 1-2 am 9. Jänner 2026 veröffentlicht von:

Florian Beckermann

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