Eine Generation steht vor einem Problem: Geht sich die Altersvorsorge aus? Nicht zuletzt der gefühlte Abstieg der nationalen Wettbewerbsfähigkeit gilt für viele als klares Indiz, dass die Minimalanforderungen des staatlichen Altersvorsorgesystems nicht genügen werden. Allenthalben heißt es dann „Eigenverantwortung übernehmen“ und „für das Alter sparen“. Junge Menschen sollen investieren – aber bitte nur so, wie es in das enge Raster staatlicher Aufsicht passt? Freiheit ja, doch nur in regulierbarer Dosierung. Die Erträge werden hoch besteuert oder abgeregelt. Zusätzlich bedroht durch die Demographie. Und Erbschaftssteuer soll das Startkapital verdampfen lassen.
Kapitalanlage ist dann kein Luxus, sondern Notwehr. Wer heute zwanzig oder dreißig ist, weiß, dass dem umlagefinanzierten Rentenversprechen die Demographie im Nacken sitzt. Die nüchterne Konsequenz lautet: früh investieren, breit streuen, langfristig denken. Eine wachsende Minderheit sieht diese Realität und wagt den Schritt auf den Markt, z. B. mit ETFs. Doch nur wenige entscheiden sich für das direkte Investment in die Aktien der heimischen Betriebe, die das langfristige (!) Eigenkapital so dringend brauchen können. Die Verteufelung der Börse als „Casino“ trägt langfristige Früchte. Die soziale Abschreckung funktioniert besonders in Österreich.
Mehr noch, überbordende Regulierung wird als „Anlegerschutz“ verkauft. Während in Wahrheit die Bürger für doof gehalten werden. Die regulatorischen Informationspflichten wachsen ins Absurde, Kleingedrucktes gleicht einem juristischen Minenfeld und jede Reform bringt neue Detailvorschriften – die kaum jemand liest. Der jüngste Kapitalmarktprospekt des deutschen Börsengangs von ASTA Energy umfasste weit mehr als 300 Seiten in englischer Sprache. Junge Menschen, die vielleicht 100 € im Monat investieren wollen, sehen sich einem Apparat gegenüber, der suggeriert: Ohne Expertenstatus investiert man in ein Hochrisikoprojekt. Dann lässt man es besser.
Fiskalische Logik: Kapitalerträge werden besteuert, deren bloße Möglichkeit aus bereits versteuertem Einkommen erwächst. Wer langfristig Vermögen aufbauen will, läuft durch ein Spalier der Abschöpfung. Das Signal ist auch hier eindeutig: Sparsamkeit und Risikobereitschaft sind ein notwendiges Übel, solange sie nicht zu erfolgreich sind. Besonders perfide ist die psychologische Wirkung. Anstatt junge Menschen an unternehmerisches Denken, Beteiligungskultur und Aktienbesitz heranzuführen, kultiviert man Misstrauen, Altersarmut und Sparmatratzen. Investieren erscheint als etwas Gefährliches, Spekulatives, moralisch Fragwürdiges – während gleichzeitig staatliche Schuldenaufnahme als alternativlos gilt.
Fazit: Die wirtschaftliche und demographische Notwehrlage provoziert die private Vorsorge unter steuerlichem und regulatorischem Sperrfeuer. Wer es ernst meint mit Generationengerechtigkeit, muss die Kapitalanlage für junge Menschen vereinfachen und steuerlich entlasten sowie Startkapital ermöglichen. Alles andere ist Heuchelei im Mantel der Fürsorge.
Im Börsen-Kurier Nr. 9 am 27. Februar 2026 veröffentlicht von:
Florian Beckermann
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