Der Höhenflug des Green-Deal setzt zur Landung an. Die EU-Verhandler scheinen sich auf eine weitgehende Anhebung der Anwendbarkeitsschwellen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) und der Lieferkettenrichtlinie geeinigt zu haben – welch vermeintliche Erleichterung für all jene, die schon immer fanden, dass Transparenz nur die Laune verdirbt. Endlich kann man wieder ungestört CO2 ausstoßen, solange das Logo grün genug ist. Einige Industrie-Lobbyisten feiern die „Entbürokratisierung“, als hätten sie gerade die Ökonomie persönlich gerettet, obwohl die meisten wohl nie einen Nachhaltigkeitsbericht gelesen haben.
Zurecht? Es läuft nicht alles rund im Green-Deal. Die CSRD trat an, die Welt zu retten und generiert sich zum nervigen Copy-Paste-Spektakel. Nachhaltigkeit wird erstmal teuer auf hunderten Seiten dokumentiert und nicht erreicht. Tonnen von CO2 verschwinden nicht aus der Atmosphäre, sondern landen in Excel-Sheets und Berichten, während Heerscharen von Beratern Millionen verschlingen. Ingenieure werden zu Datenlieferanten umgeschult, Manager zu Moralaposteln, Wirtschaftsprüfer zu Häkchenmeistern. Wo bleibt der Profit? Die Außenwirkung zählt mehr als Vollständigkeit, die Veränderung weniger als die Formattreue. Wer abschreibt, gewinnt Rechtssicherheit – eine absurde Praxis. So nährt sich die grüne Parallelökonomie, in der nachhaltig nur noch das Desinteresse wächst, auch der Investoren. Am Ende ist das Unternehmen weder klimaneutral noch konkurrenzfähig, sondern nur der Nachhaltigkeitsbericht. Die Erde bleibt warm, die Aktenlage ist gut. Das kann es nicht sein.
Schlimmer noch die Lieferkettenrichtlinie. Moralbürokratie, als EU-Exportschlager? Die Zertifizierung ausländischer Missstände. Vulgo: Unternehmen sollen lernen, Verantwortung zu managen, statt sie zu übernehmen. Sie entfernen sich vorsorglich von Ländern, in denen sie wirklich etwas bewirken könnten. Faktische Armut wird nicht gelindert, sondern auditiert. Zurück bleiben endlose Checklisten mit internen Moralregeln. Und beleidigte Lieferanten, die gelernt haben, westliche Tugendformeln zu unterschreiben. Deren Angst wird zur heimischen Nachhaltigkeitsstrategie. Wer sich absichert, gilt als „compliant“; wer bei der Stange bleibt, gilt als verdächtig. So entsteht ethische Moralreinheit durch Rückzug – sauber für Europa, wobei in der Welt Europa dann keine Rolle mehr spielt.
Und die Aktionäre? Die dürfen das alles bezahlen – selbstverständlich, denn irgendwer muss ja die Kosten bisher und in Zukunft für die Benimmregeln und Berichte tragen. Ob nach dem Kahlschlag in Sachen Green-Deal in Österreich 50 Unternehmen übrigbleiben, die die neuen Schwellen erreichen, ist fraglich. So wird eine grundsätzlich gute Idee mit der Abrissbirne bearbeitet und in eine Nische verbracht, in der realitätsverweigernden Hoffnung, dass sie dort ihr Ende findet. Einer Generation Z wird das schwer zu erklären sein. Vielleicht lernt man in der EU irgendwann, dass eine ethische und ökologische Aufrichtigkeit mit der Wahl der Personen zusammenhängt. Berichte sind allenfalls Beiwerk.
Im Börsen-Kurier Nr. 51-52 am 18. Dezember 2025 veröffentlicht von:
Florian Beckermann
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