Mautner Markhof: Abschied mit Wehmut

Ein Familienunternehmen hat in der Aufbauphase Stärken, aber die erfolgreiche Weiterentwicklung ist in den folgenden Generationen besonderen Belastungen ausgesetzt. Dr. Fink von der Beratungsfirma Intermanagement, die sich mit der Nachfolgeproblematik in Familienunternehmen beschäftigt, sieht die Probleme darin, dass nur allzu oft einerseits die Führungspositionen nicht nach Qualifikation und Erfahrung besetzt werden, sondern die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Familienstamm entscheidend ist, und andrerseits die nicht mitarbeitenden Gesellschafter die Beteiligung am Unternehmen primär als Einkommensquelle betrachten. Die weitverzweigte Familie Mautner Markhof, jahrzehntelang das Synonym für Reichtum und Wohlstand, steht vor der Liquidation des Senf- und Essigimperiums. Der Großteil der operativen Aktivitäten wurden an das bayrische Familienunternehmen Develey zu einem guten Preis verkauft. Der endgültige Liquidationserlös ist von der Verwertung des verbleibenden 70.000 m² Areal in Simmering abhängig. Die Familie hat sich bei der Verkaufsentscheidung nicht leicht getan. Mit Emotionen und historischen Reminiszenzen ist seit dem EU-Beitritt kein Unternehmen auf Dauer erfolgreich führbar. Die strategischen Weichenstellungen wurden von dem dominanten Patriarchen Georg MM bereits vor Jahren versäumt. Seine politischen Äußerungen über Unternehmertum, Wettbewerb, Liberalismus, Parteien und die Schweiz waren anregend, amüsant, oft auch skurril und abgehoben, in Wirtschaftsfragen gab er überall "seinen Senf" dazu, ohne dass dadurch für das Unternehmen Umsätze erzielt wurden. Das oberösterreichische Unternehmen Spitz mit einer fast deckungsgleichen Produktpalette ´hat sich zeitgerecht besser positioniert und die Eigentümerfamilie Scherb hat jetzt Mittel frei zum Ankauf von Böhler-Uddeholm Aktien. Seinem Sohn Marcus ist hoch anzurechnen, dass er die prekäre Situation erkannt hat und in schwierigen Verhandlungen mit den Familienmitgliedern und deren Anwälten einen erträglichen Schlußstrich zog. Bereits Ende 2002 soll das vorläufige Endergebnis vorliegen, wesentliche Überraschungen noch oben und nach unten (derzeitiger Kurs 114€) sind aus heutiger Sicht nicht zu erwarten. Der Undank der Familie ist aber Marcus auf jeden Fall sicher. Das Kürzel MM bleibt eine Erfolgsformel für ein Familienunternehmen: Mayr-Melnhof, viele Jahre zielgerichtet entwickelt und geführt von einem familienfremden Management, zeigt , wie Familieninteressen und zeitgemäße Führungsstrukturen optimiert werden können.
Datum: 03.06.2002 Autor: IVA-Redaktion
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