Rasinger: 10 Jahre nach der Finanzkrise

Wirtschaftshistoriker und Ökonomen blicken zurück und versuchen die dramatischen Ereignisse von damals zu evaluieren. Viele, nicht alle, kommen zu dem Schluss, dass durch verschiedene Maßnahmen, allen voran die Niedrigzinspolitik, eine Katastrophe vermieden werden konnte. Aber inzwischen zeigen sich die negativen Auswirkungen der Politik des billigen Geldes immer deutlicher: stark gestiegene Aktienkurse und Immobilienpreise, Umverteilung von unten nach oben, Verschärfung der Einkommensgegensätze.

Geld ist vergleichbar mit Wasser: zu wenig davon führt zu Durst und Elend, zu viel zu Überschwemmungsschäden; oder anders ausgedrückt: ein Brand wird durch Wasser gelöscht, aber oft sind die Schäden durch das Löschwasser viel umfangreicher als die durch das Feuer. Ziemlich undifferenziert wurden die Banken, die unverzichtbar für die Geldwirtschaft sind, für die Entwicklung verantwortlich gemacht. Es wurden eine Fülle von Reformen initiiert und umfassende Regulierungen in Kraft gesetzt. Die Geldinstitute stöhnen unter einer kostenintensiven und erdrückenden Bürokratie. Davon weitgehend verschont wurden Investmentbanken und diverse Fondskonstruktionen. Das Problem war nicht das Privatkundengeschäft oder die Ausfälle bei KMU.

Es bestand zwar Verbesserungsbedarf beim Anlegerschutz, aber die Schäden hielten sich im Vergleich zu Ausfällen aus Kreditgeschäften mit Großunternehmen in Grenzen.

Übereifrige Bürokraten und naive Theoretiker mit wenig Praxiserfahrungen entwickelten Richtlinien zur Verbesserung des Anlegerschutzes. Das Ergebnis ist das viel diskutierte MiFID ll, das trotz guter Absichten und Ansätze in einigen Punkten überschießend ist. Die Folge sind komplizierte Bestimmungen und hohe Kosten, die zu einer signifikanten Ausdünnung des Angebots an Privatkunden führen. Diese werden in niedrig verzinste Sparformen und teure Wertpapierfonds gedrängt. Der Retail-Kunde wird „entmündigt“. Davon profitieren Finanzzampanos, für die keine Regeln gelten. Die Folge ist, dass bei den heimischen, aber auch bei vielen deutschen Aktiengesellschaften ausländische, institutionelle Investoren dominieren, die sich nicht aus Nächstenliebe eingekauft haben, sondern mit Druck hohe Renditen lukrieren wollen. Die Situation lässt sich mit folgendem Vergleich beschreiben: um Verkehrsunfälle und Unfalltote zu reduzieren, dürfen Private nur mehr mit dem Rad fahren oder müssen sich ein Taxi leisten, LKW und Busse bleiben davon unbehelligt. Gut gemeint ist nur allzu oft das Gegenteil von gut. Die Herausforderung der nächsten Jahre ist, die sinnlose Diskriminierung der Privatanleger zu verhindern.

Ein Beispiel zum Abschluss: die Kapitalmarktprospektpflicht verursacht extrem hohe Kosten, verhindert rasches Handeln und ist nur bei Neuemissionen zu rechtfertigen. Sinnlose Risikohinweise auf zehn Seiten und mehr sind der Beweis der Kreativität von Rechtsanwälten und helfen mögliche Haftungsklagen zu vermeiden, bringen aber dem Anleger wenig verwertbare Informationen und kaum Hilfe bei seinen Investitionsentscheidungen.

Datum: 03.01.2018 Autor: Dr. Wilhelm Rasinger
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