Rasinger: Anmerkungen zur Dividendenpolitik

Was für den Sparer die Zinsengutschrift (abzüglich 25 Prozent Kapitalertragssteuer) am 31.12. ist, ist für den Aktionär die Ausschüttung der Dividende nach der Hauptversammlung. Eine Dividende ist eine starke Signalwirkung und ist eine der wichtigsten Informationen über ein Unternehmen. Für langfristig orientierte Anleger ist eine Dividende wesentlich wichtiger als die täglichen Kursschwankungen. Lange hat es gedauert bis die österreichischen Immobiliengesellschaften realisierten, dass die Ausschüttung einer Dividende die Anleger mehr zufrieden stellt als eine Steigerung des inneren Wertes (NAV= net asset value). Die Dividendenrendite (Dividende bezogen auf den Kurs) sollte um die 3 Prozent liegen. Wichtig ist aber, dass Dividenden nur aus erwirtschaften Erträgen ausgeschüttet werden und nicht zu Lasten der Substanz. Daher hat der IVA die Dividende der eigenkapitalschwachen Telekom trotz hohem Cash Flow-Niveau kritisiert. Die meisten Unternehmen schütten ein Drittel bis zur Hälfte des Gewinns aus. Es gibt Ausnahmen: die Post reicht fast 100 Prozent des Jahresüberschuss an die Aktionäre weiter, während Frauenthal und Oberbank eher knauserig mit 20 Prozent und darunter liegen. Auf das Eigenkapital denselben reduzierenden Effekt haben Aktienrückkäufe. Fast jede Gesellschaft lässt sich von der Hauptversammlung dazu ermächtigen, aber nur wenige nützen diese Möglichkeit auch aus. Eine Dividende bringt dem langfristig treuen Aktionär mehr als eine kurzfristige Kurssteigerung durch eine zusätzliche Nachfrage nach eigenen Aktien. Wenn zuviel Eigenkapital und ausreichend Liquidität vorhanden ist, sollte das Kapital teilweise zurückgezahlt werden und nicht als Dividende deklariert werden. Dies verwirrt mehr und sendet falsch Signale an die Aktionäre. Ebenso abzulehnen sind Dividendenerhöhungen bei sinkenden Gewinnen und Dividendenreduktionen bei steigenden Gewinnen. Die Dividende bei leicht schwankenden Ergebnissen beizubehalten (Dividendenkontinuität) macht in beschränkten Rahmen durchaus Sinn. Zusammenfassend kann aber festgehalten werden, dass die Mehrzahl der an der Wiener Börse notierten Gesellschaften eine vernünftige und verständliche Dividendenpolitik verfolgt.
 
Autor: Dr. Wilhelm Rasinger
Datum: 24.06.2012
 
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