Rasinger: Was nun, ÖIAG ?

Mag. Markus Beyrer, ein tüchtiger, redegewandter Interessenvertreter der zweiten Ebene, war eine politische Besetzung. Für die heikle und exponierte Stelle fehlten ihm profunde Erfahrungen mit den unangenehmen Seiten des Kapitalmarktes und unternehmerisches Know How. Im Telekom-Skandal war er eine eher unwesentliche Randfigur, die von einigen Medien hochgespielt wurde. Es ist erfreulich, dass eine international bedeutende Organisation in Brüssel sich für eine österreichische Spitzenkraft entschieden hat. Jetzt gibt es ein „window of oppurtunity“, die Struktur der ÖIAG zu überdenken und zu ändern. Dabei sollten auch die inzwischen positiven Erfahrungen der B & C-Stiftung mit den wichtigen Beteiligungen an Semperit und Lenzing für den Wirtschaftsstandort Österreich berücksichtigt werden. Die Funktion des wichtigen Kernaktionärs erschöpft sich derzeit im Kassieren von Dividenden. Die Unternehmen müssen jedoch strategisch begleitet und kompetent kontrolliert werden. Die Besetzung von Spitzenpositionen ist für den Aufsichtsrat eine wesentliche Herausforderung. Daher ist eine Auflösung der ÖIAG nicht sinnvoll, aber als „Privatisierungsagentur“ passt sie auch nicht mehr in die heutige Zeit. Der ÖIAG- Aufsichtsrat sollte drastisch auf maximal sechs Kapitalvertreter und drei Belegschaftsverteter reduziert werden. Die „Selbsterneuerung“ des Aufsichtsrat, d.h. die Aufsichtsräte wählen ihre Nachfolger selbst, ist problematisch und zu hinterfragen. Kompetenz ist gefragt, nicht persönliche Nahebeziehungen, und politische Erfahrungen nach einer mehrjährigen Cooling-off-Periode dürfen kein Ausschließungsgrund sein. Aktives Beteiligungsmanagement erfordert auch Flexibiltät, in bestimmten Grenzen Anteile zu kaufen und zu verkaufen. Die Dividenden sollten nicht in erster Linie dem „nimmersatten“ Staat zufließen, sondern gezielt für Wirtschaftsförderungsmassnahmen, Forschung und Entwicklung und Infrastrukturinvestitionen eingesetzt werden. Es gibt vernünftige Politiker und Experten in fast allem politischen Lagern. Diese sind gefordert eine herzeigbare Lösung für den Attraktivität verlierenden Wirtschaftsstandort Wien zu erarbeiten. Unkritische Privatiierungsfetischisten und doktrinäre Kapitalmarktfeinde sollten nicht mehr bestimmend sein. Es wird spannend, was die beiden nur mehr rund 20 Prozent -Parteien in diesen Umbruchszeiten auf Schiene bringen.
Datum: 17.06.2012 Autor: Dr. Wilhelm Rasinger

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