Alarmstimmung unter Raiffeisen-Kleinanlegern

Kleinaktionäre fürchten, bei der noch für heuer geplanten Fusion der Raiffeisen Zentralbank mit der Raiffeisen International unter die Räder zu kommen. Raiffeisen betont, es sei eine Zahlenspielerei.

RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner hat angekündigt, er werde bei der offenbar noch für heuer geplanten Fusion der Raiffeisen Zentralbank mit der Raiffeisen International (RI) „sicherstellen, dass sämtliche Rechte der Kleinaktionäre gewahrt bleiben“. Kleinaktionäre beginnen sich allerdings langsam Sorgen zu machen, dass sie unter die Räder kommen könnten.

Grund dafür ist ein in der Vorwoche der Nachrichtenagentur Reuters aus der RZB zugespieltes internes Papier, das die RZB mit 6,1 Mrd. und die RI mit 6,2 Mrd. Euro bewertet. Allerdings hält die RZB über eine Zwischengesellschaft bereits 70Prozent an der RI. Dieser Anteil, der 4,35 Mrd. Euro entspricht, ist in den 6,1 Mrd. Euro enthalten. Das wiederum heißt, dass die nicht börsenotierte RZB ohne RI-Anteil mit rund 1,75 Mrd. Euro zu bewerten ist. Für die RI, die nach dem vorwöchigen Kurssturz mit rund 34Euro notiert, ergäbe sich daraus eine Bewertung von 40Euro pro Aktie.


Interne Zahlenspiele

Bei Raiffeisen wird betont, dass es sich dabei vorerst noch um eine Zahlenspielerei handelt. Mit der konkreten Ermittlung der Unternehmenswerte und dem Tauschverhältnis sollen jetzt drei renommierte Wirtschaftsprüfungskanzleien beauftragt werden.

Bei Privataktionären lässt diese interne Zahlenspielerei allerdings die Alarmglocken läuten: Nach den auf dem Tisch liegenden Daten wäre die RI damit nämlich deutlich zu niedrig bewertet. Die Fusion würde also einem enormen Werttransfer von den Kleinaktionären zur neuen fusionierten RZB bedeuten. Der Anteil des Streubesitzes an der gemeinsamen Gesellschaft würde von derzeit 30Prozent (davon neun Zehntel institutionelle Investoren und ein Zehntel echte Privataktionäre) auf 23,4 Prozent sinken.

Nach den vorliegenden Daten (Bilanzen bis einschließlich 2008, bisher bekannte Bilanzzahlen 2009, Vorschau, Analystenschätzungen) kommen Experten für die RI auf rechnerische Firmenwerte von 80 bis 93Euro je Aktie – und nicht auf die im RZB-Geheimpapier genannten 40. Ob es eher 80 oder eher 93Euro werden, hängt davon ab, wie schnell die RI ihre hohen Kreditvorsorgen (2009 waren das 1,7 Mrd. Euro) wieder zurückfahren kann.

Selbst wenn der rechnerische Wert „nur“ 80 betragen sollte (der Anteil des Streubesitzes würde dann auf 26,3Prozent sinken), würde eine offizielle Bewertung mit 40Euro pro Aktie einen Werttransfer von rund 400 Mio. Euro vom Streubesitz zur neuen RZB-Holding bedeuten.


Enorme Bewertungsdifferenz

Die Differenz in der Bewertung der Raiffeisen-Osttochter ist nämlich enorm: Bei 40Euro je Aktie wäre die RI rund 6,2 Mrd. Euro wert, bei 80Euro 12,4 Mrd. Euro. Der Unterschied übersteigt das gesamte aushaftende Kreditvolumen der RI in der Ukraine und in Weißrussland.

Freilich: Auch diese Berechnungen, die der renommierte Versicherungsmathematiker Karl Kreiter angestellt hat, beruhen auf einer Reihe von Annahmen. Vor allem darauf, dass die derzeit offiziellen Zahlen und Prognosen der RI halten – und dass alle bekannten Verlustpotenziale in Osteuropa schon auf dem Tisch sind.

Um ein Beispiel zu nennen: Sollte die Lage in Osteuropa – etwa in der Ukraine – schlimmer sein als bekannt und müssten die Kreditvorsorgen noch einmal deutlich erhöht werden, dann würde der rechnerische Firmenwert natürlich deutlich nach unten – in die Richtung der im RZB-Papier genannten 40Euro je Aktie – rutschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2010)
 
Autor: Die Presse
Datum: 03.03.2010
 
zum Seitenanfang Artikel versenden Artikel drucken

IVA-Newsletter

Erscheint 12 x jährlich
hier anmelden

RSS-Feed

Abonnieren Sie den IVA-Newsfeed mit allen aktuellen Stellungnahmen und Veröffentlichungen in Ihrem Newsreader.

RSS-Icon zum RSS-Feed